ANRUF AUS CUXHAVEN

Kein Fernsehen, kein Handy-Empfang – die Abgeschiedenheit macht den Job erst interessant, findet Denny Engelbrecht. Er will Hochseefischer werden. Zu Besuch auf seinem Kutter im Atlantik

(Hier das PDF zur Geschichte aus der Süddeutschen Zeitung, und der Link zu kompletten Berufsbeilage.)

 

Von Peer Brockhöfer

Denny Engelbrecht steht nahe am 62. Breitengrad am Heck des Hochseekutters Bianca. Hier geht die Nordsee in den Atlantik über. Es ist Nacht, der Wind weht mit 16 Metern pro Sekunde Regen und Gischt über das Deck, Seilwinden kreischen, Ketten poltern über die Reling, Wasser spritzt, die Scherbretter krachen an die Bordwände des 40 Meter langen Kutters „Bianca“. Nach und nach taucht im Dunkeln das Schleppnetz auf. Ein guter Hol. Fast vier Beutel Seelachs, etwa drei bis vier Tonnen, hieven er und seine vier Kollegen aus dem Meer, irgendwo nordöstlich der Shetlands. Er hat seit Tagen kein Land gesehen, und das wird sich auch die kommenden Tage nicht ändern – bis die Mannschaft etwa 100 Tonnen Fisch gefangen hat und der Laderaum bis zur Decke gefüllt ist.  

Ursprünglich wollte der stämmige 18-Jährige aus Schwerin nach seinem Realschulabschluss eine Schlachterlehre machen. Doch sein Großvater, der wie sein Vater auch den Fleischerberuf ergriffen hatte, riet ihm davon ab. Was macht man also wenn das mit dem Schlachten nicht sein soll, aber Angeln das liebste Hobby ist? Denny bewarb sich bei den Teichwirten seiner Gegend, der Müritzer Seenplatte. Doch ohne Erfolg. Die Karpfenzüchter konnten sich entweder keine Lehrlinge leisten oder vertrösteten ihn auf das nächste Jahr. Seine Bewerbung machte jedoch die Runde unter den Fischern – nicht nur bei den Firmen in seiner Gegend sondern an der Nord- und Ostseeküste.

Im Juni 2005 klingelte bei ihm das Telefon. Ein Herr Petersen aus Cuxhaven war am Apparat. Ob er nicht Lust hätte, statt in der Teichwirtschaft sich in der Hochseefischerei zu versuchen. Der Schweriner überlegte angesichts der Ausbildungslage in seine Gegend nicht lange und sagte zu – zunächst für ein Praktikum auf der „Bianca“ unter Kapitän Charly Heiber. Das Bordleben, fast ohne Kontakt zum Landratten-Alltag, gefiel ihm: kein Fernsehen, kein Radio, kein Internet und Handyempfang nur in der Nähe von Bohrinseln. Im Juli unterschrieb er den Ausbildungsvertrag.

Seitdem sticht er vom Fischereihafen Hanstholm in Dänemark mir der sechs- bis siebenköpfigen Mannschaft in See, um Seelachs, Köhler, Lengfisch und Seeteufel zu fangen. Eine Reise dauert bis zu zehn Tagen. Nach zwei oder drei Liegetagen geht es wieder hinaus. So geht das fünf Wochen am Stück. Danach ist eine Woche Heimurlaub angesagt. Manchen schreckt das Leben abseits eines Acht-Stundentags mit Feierabend im heimischen Wohnzimmer ab. Für Denny macht das gerade den Reiz der Sache aus: „Ein regelmäßiges Arbeitsleben ist doch langweilig,“ findet er. „Ich weiß vor einer Fahrt nie, wo es genau hingeht und wie lange sie dauern wird.“

Zwischendurch besucht er zweimal im Jahr für vier Wochen die Fischereischule im schleswig-holsteinischen Rendsburg. Seine Klasse hat neun Schüler, davon lernen sieben die Küstenfischerei, nur ein weiterer wagt sich auf die hohe See. In den beiden Jahrgängen unter ihm sind die Hochseefischer ähnlich rar gesät bei Klassenstärken von 17 und 14 Schülern. Mit seinem Notendurchschnitt von 1,7 ist er der Beste seiner Stufe und Spitzenreiter der vergangenen Jahre. Er könnte seine Lehrzeit verkürzen, doch dann müsste er in die Klasse zu den Krabbenfischern wechseln. “Das geht natürlich nicht,“ sagt er schnippisch. Seine Fächer sind unter anderen Motorenkunde, Mathematik, Fischereibiologie, die obligatorische Netzkunde sowie Wetterkunde. Dass kein Englischunterricht angeboten wird, bedauert er. „Denn dass kann man auf dem Meer gut gebrauchen“, weiß der junge Seemann.

Jörg Petersen ist bei der Kutterfisch Zentrale Cuxhaven zuständig für das Personal und sucht Lehrlinge. Das Unternehmen hat die größte Fang-Kapazitäten in Deutschland und ist das einzige, das zum Hochseefischer ausbildet. Die Kutter- und Küstenfisch Rügen GmbH in Sassnitz, an der die Cuxhavener die Mehrheitsbeteiligung besitzen, vermarktet den Fang von 130 Schiffen, die rund um Dänemark und in der Ostsee unterwegs sind. Die Nordsee wird mit sieben Kuttern befahren.

„Wir wollen versuchen, dass zumindest auf den Schiffen in der Nordsee jeweils zwei Lehrlinge sind,“ sagt auch Kai-Arne Schmidt, außer Petersen und Günter Grothe einer der Geschäftsführer. Aber Hochseefischerei ist nicht Jedermanns Sache. Nicht nur die See ist manchmal rau, der Umgangston ist es auch. Außerdem können Heimweh oder Sehnsucht plagen: „Vor kurzem hatte ein 17-Jähriger unterschrieben,“ berichtet Schmidt. „Dann hat er eine Freundin gefunden und ist vom Vertrag zurückgetreten.“

Das Netz wird im verregneten Scheinwerferlicht in den Bauch der Bianca geleert. Nun geht es unter Deck in die Produktion. Es ist nicht die Lieblingsaufgabe der Fischer, im Neonlicht und schwappenden blutrotem Wasser an den lärmenden Schlachtmaschinen zu stehen und massenhaft Fisch zu verarbeiten. Da hilft nur der Gedanke an die 3-Prozentige Provision, mit der die ausgelernten Fischer am Fang beteiligt werden. Das können am Ende des Monats manchmal 5.000 Euro sein. Damit kann Denny aber erst ab dem nächsten Sommer rechnen, Bis dahin muss er sich mit seinem Lehrlingsgehalt von 540 Euro und einer einprozentigen Beteiligung am Fang zufrieden geben.

Der große Blonde überlegt, ein Kapitänspatent nach der Lehrte zu machen. „Aber nicht das Gummibootpatent der Küstenfischer,“ feixt er. „Sondern das für die Große Hochseefischerei.“ Sein Arbeitgeber würde ihm das Patent auch bezahlen. „Dafür wäre ich dem Betrieb natürlich verpflichtet.“ Das ist ihm klar. Schließlich kostet die Ausbildung zum Kapitän etwa 20.000 Euro und erfordert eine zweijährige Berufspraxis.

Adressen
Kutterfisch-Zentrale GmbH
Jörg Petersen
Niedersachsenstr. 9
27472 Cuxhaven
Telefon: 04721 70 76-0
info(at)kutterfisch.de
www.kutterfisch.de
Landwirtschaftsschule Rendsburg
Bereich: Fischereischule
Am Kamp 9
24783 Osterrönfeld

Tel.: 04331/84140
www.landwirtschaftsschule.com
Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein
Fischereireferat 

Wischhofstr. 1-3
24148 Kiel 
Tel.: 0431 7193960
Fax: 0431 7193965 

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