FISCHWIRT: 77 junge Menschen lernen in Rendsburg diesen Beruf

Thomas schnappt sich das eine vom Netz.
Beim Einholen hilft eine Maschine.
Hinter dem Kutter streiten sich die Möwen um die Reste.
Noch an Bord wird der Fisch ausgenommen.
Sorgfältig wird das feine Netz ausgelassen.
Die Natur entschädigt für die Mühen.

Thomas Irmscher ist einer von ihnen. Mit seinem Kapitän Günter Koschwitz fährt er bei jedem Wetter vor Travemünde auf die Ostsee, um die Stellnetze auszulegen und den Fang einzuholen.

Text & Fotos: Peer Brockhöfer

Die Ostsee vor Travemünde leuchtet hellgrün unter dem dunkelgrauen Himmel. Kapitän Günter Koschwitz und sein Lehrling Thomas Irmscher wollen heute in die Bucht hinaus, um ihre Stellnetze zu leeren. Sie besteigen den zwölf Meter langen Küstenkutter "Jan II". Leicht schaukelnd geht es die Flussmündung hinaus nach Norden. Thomas und sein Kapitän suchen die Oberfläche ab, bis sie eine rote Fahne erkennen. Sie steuern auf die Boje zu, die ihr Stellnetz markiert, das sie gestern ausgesetzt haben.

Mit einem Enterhaken zieht Thomas die rote Fahne zu sich heran, holt die Boje samt Grundblei an Bord, trennt die Maschen vom Geschirr und legt sie in eine Maschine: Zwei Kunststoffrollen drücken das Netz auf ein Förderband. So werden die 20 miteinander verbundenen Netze an Deck gezogen. Fast einen Kilometer lang ist die Fischfalle aus dünnem Nylongarn insgesamt.

Jetzt sind alle Hände gefragt. Während Koschwitz mit Thomas den Dorsch aus den Maschen zieht, muss er gleichzeitig das Boot auf Kurs halten. Immer wieder ist es nötig, nachzusteuern, damit das Netz nicht unter das Boot gerät. "Ein guter Fang", freut sich der Kapitän. Nachdem das Netz als großer Haufen an Deck liegt, wird es kurz sortiert. Dann wirft Thomas das Geschirr zurück in die Ostsee. Weil die Stelle so gut ist, setzen die beiden noch ein zweites Netz, bevor sie sich auf den Weg zur anderen Seite der Flussmündung machen.

Genau das ist es, was Thomas dazu gebracht hat, eine Ausbildung zum Küstenfischer zu machen - die Arbeit auf dem Wasser. "Der ist ja auch fischverrückt", versichert sein Chef. In der Freizeit angelt Thomas auch leidenschaftlicher gern - wie die meisten, die mit ihm die Schule für Fischerei an der Landwirtschaftsschule Rendsburg besuchen. Den Berufsschülern wird Motorenkunde, Mathematik, Fischereibiologie, Netzkunde sowie Wetterkunde vermittelt. 40 der Schüler, die auf einem der gut 2000 Kutter auf Ost- und Nordsee Dorsch, Scholle und Seelachs nachstellen, lassen sich zum Küstenfischer ausbilden. Weitere 18 fahren zur Hochsee, 15 setzen auf die Krabbenfischerei. Die Küsten- und Hochseefischer werden gemeinsam unterrichtet.

Die Wolken sind schwärzer geworden, es blitzt am Horizont. Auf der Fahrt zum gegenüberliegenden Ufer sitzt Koschwitz in dem nur drei Quadratmeter großen Führerhaus. "Das Schlimmste ist der Papierkram", erzählt er. Zu der üblichen Aktenführung kommen die ständig neuen Bestimmungen hinzu, die er beachten muss. "Da hinten, das ist schon Mecklenburg-Vorpommern", er weist mit der Hand Richtung Land. "Da darf ich bis an die Küste heranfahren. Hier in Schleswig-Holstein muss ich mindestens 300 Meter Abstand halten." Was er wann fängt und zu welchem Preis er es verkauft, muss er im Einzelnen melden. Koschwitz darf insgesamt 50 Tonnen im Jahr fangen, aber nur 22 mit der "Jan II". Die anderen 28 Tonnen liegen auf der "Mittelriff", einem Heckfänger. Allerdings betont Koschwitz, dass er seine Quote normalerweise nicht erfüllt - insofern beschwere er sich nicht über die Fangbeschränkung, das sei nicht das Problem der Fischer, sondern schlichtweg die Bürokratie und die Tatsache, dass sie wegen der leer gefischten Meere als Buhmann herhalten müssten. Dass dafür die unkontrollierte Offshore-Fischerei im Atlantik verantwortlich sei, komme nicht in der Öffentlichkeit an.

Zurück in den Hafen. Drei Stunden war die "Jan II" unterwegs, das Ergebnis: 190 Kilo Fisch. Kaum steht die erste Kiste an Land, kommen die Touristen. Ein Dorsch nach dem anderen wechselt nun den Besitzer - für vier Euro das Kilo. Die Arbeit ist aber danach lange nicht zu Ende. Thomas muss noch die Netze durch eine Winde ziehen und den Tang herausschütteln, damit sie für die nächste Fahrt sauber sind. Und das ist es denn auch, was der Azubi sich für diesen Sonnabendabend vorgenommen hat. "Um zehn geht es noch mal raus", sagt Thomas und lacht.

 

(Hier der Link zur Geschichte unter www.abendblatt.de)