Damit Tarzan nicht herunterfällt

Anni Tinsz arbeitet angeseilt unter der Decke der Neuen Flora in Hamburg.

Wer die Höhe nicht scheut und es gerne luftig mag, kann das beruflich nutzen: Industriekletterer sind gefragt. Sie reinigen die Glasfassaden von Hochhäusern oder hängen an ihnen riesige Plakate auf, an Türmen und Brücken arbeiten sie hängend – oder sorgen dafür, dass Tarzan im gleichnamigen Musical sicher an seiner Liane durch die Luft schwingt.

(erschienen im "Hamburger Abendblatt" am 17.09.2009)

Von Peer Brockhöfer

Ann-Christine Tinsz trägt zu kurzen Jeans und Top Sicherheitsschuhe mit Stahlkappen, einen Klettergurt mit großen Karabinern und ein Headset, auf dem sie in einer Mischung aus Deutsch und Englisch hört, was während der Probe zur Disney-Produktion Tarzan in der Neuen Flora gerade passiert. Sie ist Höhenarbeiterin und verantwortlich für die Sicherheit der Schauspieler, die während des Musicals Tarzan an der Neuen Flora in Hamburg an Seilen und Bungee-Gummis durch die Luft fliegen. Sie und weitere vier Kollegen klinken die Schauspieler kurz vor ihren Auftritten ein oder prüfen – wenn die Darsteller sich selbst sichern müssen – per Sicht vom Bühnenrand, ob die Karabiner auch richtig geschlossen sind. "Das nennen wir Visual Check";  sagt die 25-Jährige. Insgesamt hat das Höhenarbeiter-Team bei der Zehn-Millionen-Euro-Produktion elf Mitglieder, die sich um die höhentechnischen Abläufe der Show kümmern. Allein Tarzan-Darsteller Anton Zetterholm verbringt 80 Prozent während der dreistündigen Aufführung nicht auf den Bühnenbrettern, 300 Flugbewegungen werden insgesamt von den Schauspielern vollführt.

Seit einem Jahr ist Ann-Christine bei den Hightspecialists, einer Firma aus den Niederlanden, die die gesamte Höhentechnik für das Musical-Unternehemen Stage-Entertainment organisiert, fest angestellt und hat sich damit einen kleinen Traum erfüllt. Denn sie versucht sich nach dem Fachabitur nicht nur als Grafikerin und Illustratorin, sondern hat vor drei Jahren auch mit dem Klettern begonnen. "Ich habe über einen Aushang beim Deutschen Alpenverein erfahren, dass beim Musical Höhenarbeiter gesucht werden", erzählt sie. Ins Kletterzentrum des DAV in Lokstedt geht sie regelmäßig und arbeitet derzeit am neunten Schwierigkeitsgrad. Für ihre Bewerbung hat sie ein Klettervideo von sich aufgenommen und es per E-Mail an Heightspecialists geschickt. Das machte offenbar Eindruck, denn sie wurde zum Einstellungsgespräch geladen, das auf Englisch stattfand. Diese Sprachkenntnis ist unabdingbar für jemanden, der bei einem Musical arbeiten möchte, bei dem zahlreiche Nationalitäten aufeinander treffen.

Risikobewusstsein erwünscht

"Wir suchen natürlich in der Kletter-Szene nach Nachwuchs", bestätigt WIllem Catianis, der als Projektleiter die Höhenarbeiter beim Tarzan-Musical koordiniert. "Wir erwarten aber nicht, dass jemand bestimmte Schwierigkeitsgrade oder so klettern kann." Denn die Industrial Alpinists, wie der Beruf auf englisch heißt, klettern sowieso selten hoch, sondern seilen sich meist von oben ab, um dann am im Gurt hängend zu arbeiten. Das tun sie an Türmen, Brücken, Fassaden und für Promotionsaktionen – oder eben bei einem Musical. "Uns kommt es darauf an, dass sich jemand des Risikos bewusst ist und dann mit der großen Verantwortung umgehen kann." Vor allem, wenn sie nicht für die eigene Sicherheit, sondern wie in diesem Fall für die anderen zuständig sind. Menschen, die Sportklettern betreiben, können sich vorstellen, was es bedeutet, abzustürzen – und sind ausserdem garantiert schwindelfrei. Letztendlich muss man aber kein Kletterer sein, um Industriekletterer zu werden. Es gibt immer noch die Möglichkeit, seinen Handwerksberuf in diese Richtung auszubauen oder sich ganz neu einzuarbeiten.

Schwindelfreiheit ist aber Grundvorraussetzung. Das merkt jeder, der im Backsage-Bereich mit Ann-Christine die drei Treppen zu ihrem Arbeitsplatz hinaufsteigt. Wir befinden uns knapp unter der Decke des Theater-Saals in mehr als 15 Metern Höhe mit direktem Blick hinunter auf die Bühne. Hier läuft ein ein komplexes System aus Seilen entlang, das vom so genannten Flugwerk gesteuert wird, einer Computergesteuerten Anlage, die dafür sorgt, dass während der Show immer die richtigen Seile in der richtigen Geschwindigkeit eingezogen oder abgelassen werden. "Hier bin ich während der Show, um mich um die Spinne zu kümmern", sagt Ann-Christin, sichert sich am stählernen Geländer, schwingt sich darüber, um sich dann in einen der Stahlstreben unter der Decke einzuklinken. Über der Bühne baumelnd, so weit oben, dass sie von Zuschauern nicht gesehen werden könnte, wartet sie auf die überdimensionale Spinne, vor der Tarzan seine Jane achtmal die Woche rettet. Groß und schwarz behaart kommt sie von der Seite herangefahren. Ann-Christine packt das Tier und bringt sie in die Richtige Position, damit sie herabgelassen werden kann.

Das Ergebnis der Arbeit: Sicher schwingen die "Affen" über die Bühne

In drei Stufen zum Profi

Der Weg vom Einsteiger zum Profi läuft über drei Stufen. Level 1, den Ann-Christin inne hat, ist der Anfang. "Ich würde gerne auch den zweiten Level machen." Dafür muss sie aber erstmal 1.000 Arbeitsstunden am Seil vorweisen können. Dazu führt sie ein Logbuch, in dem sie ihre Arbeitsstunden notiert, die Catianis abzeichnet. Erst dann kann die zweite Prüfung abgenommen werden. Bei den Hightspecialists werden die Prüfungen in den Niederlanden gemacht.  Zuständig für die Abnahme ist die  International Rope Access Trade Assiciation (IRATA) oder in Deutschland der Fach- und Interessenverband für seilunterstützte Arbeitstechniken, der FISAT. Industriekletterer oder Höhenarbeiter ist kein geschützter Beruf, aber die Verbände entwickeln Standards, um die Sicherheit.

Geprobt wird in der Neuen Flora viel und gründlich. Alle sieben Tage findet ein kompletter Systemcheck statt, bei dem alle technischen Gerätschaften wie Seile, Sicherungsmittel und Rollen geprüft werden und geschaut wird, ob alles seinen Platz hat und die Kennzeichnungen noch lesbar sind und stimmen. "Jeder  ,Affe' hat beispielsweise sein eigenes Bungee-Seil, das auf seine Flughöhe und sein Gewicht abgestimmt ist", erklärt Ann-Christine. Verwechslungen können schwerwiegende Folgen haben. Dafür, dass nichts passiert, übernehmen die Hight Specialists die Verantwortung. Selbst Rettungs-Übungen, falls wirklich etwas ernsthaftes passieren sollte, werden regelmäßig durchgeführt. "Wir verkaufen Stage Enterntainment ruhige Nächte", lacht

Catianis. "Dafür haben wir aber auch das Recht, eine Show abzubrechen, wenn wir meinen, dass etwas nicht sicher ist. " Und das ist auch schon mal vorgekommen. Bei einem Vorgang, bei dem zwei Schauspieler in gegensätzliche Richtungen nach oben weggezogen werden, hatten sich die Seile verdreht. Ann-Christin war an diesem Abend geistesgegenwärtig, brach die Aufführung ab. Die Zuschauer haben es gelassen genommen. Mit einem Freigetränk in der Hand warteten sie im Foyer, bis es weitergeht. Ein echtes Live-Erlebnis – vor allem für Ann-Christine und ihre Kollegen.


KASTEN:

Height Specialists

Dynamoweg 28

2627 CH Delft

Tel.:+31/15/256 56 62

Fax: +31/15/380 79 57

Mail:  info(at)heightspecialists.nl

www.heightspecialists.nl


Verbände:

FISAT

Greifswalder Straße 9
10405 Berlin
Tel.: 030/44340031
Fax: 030/44340033

Mail: info@fisat.de

www.fisat.de

IRATA International

Tournai Hall

Evelyn Woods Road

Aldershot, GU11 2LL

Tel: 01252 357839

info@irata.org

www.irata.or


Die Level der Industriekletterer:

 

  • Level 1 (Grundkurs)
  • Der Grundkurs Höhenarbeiter vermittelt dem Anwender die Grundkenntnisse im Bereich Seilzugangs- und Positionierungstechniken sowie Materialkunde, Wartung und Prüfung der verschiedenen Ausrüstungskomponenten. Die Ausbildung begrenzt sich auf das vertikale Standardarbeitsverfahren.
  • Level 2 (Höhenarbeiter)
  • horizontale und kombinierte Zugangstechniken, komplexe Rettungstechniken, sowie erweiterte Knotenkunde, Baustellenabsicherung und das Installieren von Anschlagpunkten.
  • Level 3 (Aufsichtsführender)

Die Prüfung richtet sich vor allem an diejenigen, die ein Unternehmen in diesem Bereich betreiben wollen. Planung und Durchführung von seilzugtechnischen Baustellen, Schwerpunkte sind unter anderem, rechtliche Grundlagen, wie das Arbeitsschutzgesetz und die Unfallverhütungsvorschriften.

Kosten:

Die Abnahmen der Prüfungen sind nicht billig. Etwa 700 bis 800 Euro kostet ein Prüfungskurs pro Level. Beispielsweise bei der Berufskletter-Schule in Potsdam (www.berufskletterschule-potsdam.de) oder Industriekletterschule Berlin-Hamburg (www.vik-industriekletterschule.de/).

Verdienst:

Die Hight Specialists zahlen ein Branchenübliches Anfangsgehalt von elf Euro pro Stunde brutto. Das mittlere Gehalt liegt bei etwa 3.000 Euro (Level 2). Wer sich mit Level 3 selbstständig macht, kann deutlich mehr verdienen.