ALLES UNTER KONTROLLE

Wer in ein Flugzeug steigt, hat Vertrauen in den Kapitän. Aber auch der Kapitän braucht Menschen, auf die er sich verlassen kann – beispielsweise Judith Völker, die sich zur Fluglotsin ausbilden lässt.

(Hier das PDF zur Geschichte und ein Link zur kompletten Berufsbeilage der Süddeutschen Zeitung.


Von Hektik keine Spur. Die Stimmung in Europas größtem Flugkontrollzentrum in Langen bei Frankfurt ist angespannt, aber ruhig. Gedämpftes Licht und dumpfes Gemurmel sorgen für eine konzentrierte Atmosphäre in dem fast 50 Meter langen Raum. Hier sitzen die Centerlotsen nebeneinander vor dem Radar. Jeweils zwei von ihnen sind zuständig für einen der Sektoren, in die der gesamte Luftraum eingeteilt ist. Auf demBildschirm leuchten die Flugkorridore als gelbe und rote Linien, in ihrer Nähe bewegen sich Doppelzeilen. Das sind die Flugzeuge, die es zu koordinieren gilt. Immer im Abstand von fünf Meilen nebeneinander und tausend Fuß übereinander. Das erfordert nicht nur viel Konzentration und ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen, sondern auch ein gehöriges Maß an Selbstsicherheit, denn Fehler können Leben kosten. Eine Vorstellung, bei der es einem mulmig werden kann, aber nicht sollte. „Angst?“, wundert sich Judith Völker, Auszubildende im zweiten Lehrjahr, wenn man sie auf ihren ersten Tag „on the job“ anspricht. Der steht ihr demnächst bevor. Dann wird sie zum ersten Mal echte Flugzeuge mit echten Passagieren anleiten – nicht nur im Simulator wie bisher. „Davor habe ich keine Angst. Es kommt halt darauf an, früh genug zu reagieren“, sagt die 21-Jährige. „Dann ist da oben auch genug Platz.“An Selbstsicherheit mangelt es Judith nicht.

Wer sich bei der Deutschen Flugsicherung als Fluglotse bewirbt, braucht zunächst nicht viel: Wenn er nicht älter als 24 Jahre ist, das Abitur vorweisen kann und Englisch bis zum Schluss belegt hat, kann er es versuchen. Judith hatte Mathematik und Biologie als Leistungskurse gewählt und eigentlich vor, Medizin zu studieren. Vorher wollte sie sich aber als Praktikantin noch etwas in der Berufswelt umsehen. Eines der Praktika absolvierte sie im Januar 2005 im Frankfurter Tower. Nach einer Woche stand für sie fest: „Das ist es.“

Im Schulungszentrum: Judith Völker freut sich auf ihren ersten Einsatz

Um als Auszubildende in den Simulator zu gelangen, musste sie ein einwöchiges Auswahlprozedere durchstehen, das im Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum in Hamburg durchgeführt wird. Anden ersten zwei Tagen finden computergestützte Testreihen statt: Räumliches Vorstellungsvermögen, Merkfähigkeit, Konzentration, Belastbarkeit und das Talent zum Multitasking werden auf die Probe gestellt. So musste Judith Rechenaufgaben am Bildschirm lösen und gleichzeitig Knöpfe drücken, wenn die in der gleichen Farbe aufleuchteten. „Von der Konzentration her ging das“, sagt sie. „Aber ich musste die Arme immer gestreckt halten, weil ich sonst nicht an die Knöpfe kam.“ Anstrengend sei das gewesen. Immerhin dauert der Computertest eine gute Stunde.

50 Bewerber waren insgesamt angetreten. Bereits am Dienstagmorgen waren von ihnen nur noch zwölf übrig, auf die während der folgenden Tage komplexere Computersimulationen warteten. Dabei lag die Einarbeitungsphasemitunter bei einer Stunde, bevor der Test überhaupt starten konnte. Auch Rollenspiele zur Teamfähigkeit standen an. „Meine Eltern warteten jeden Abend gespannt vor dem Telefon, um zu erfahren, ob ich noch dabei bin“, erzählt Judith.

So ein Tag im Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum dauert acht Stunden und ist „Dauerstrom“, wie manche Ausbilder sagen. Am Donnerstag folgte ein Einzelgespräch, bevor am Freitag nach der medizinischen Untersuchung endlich feststand, wer genommen wird. „Als ich wusste, dass ich dabei bin, hat mein Vater ins Telefon gejubelt! Man kommt da ja nicht hin und denkt, man besteht.“ In ihrer Runde erhielten gerade mal drei einen Ausbildungsvertrag.

„Dass es nur fünf bis zehn Prozent schaffen, ist normal“, sagt Heike Lenort, Referentin für Personalmarketing bei der Deutschen Flugsicherung. Trotz dieser Respekt einflößenden Quote warnt sie davor, einen der kommerziellen Vorbereitungskurse zu nutzen. „Wir fragen in dieser Woche Fähigkeiten ab, die man sich nur schwer beibringen kann.“ Da sei es schon besser, einen Blick auf die Seite www.dfs.de zu werfen, auf der es einen Bereich für Interessierte gibt. Judiths Ausbildung wird in der Anfangsphase mit 770 Euro vergütet und findet in Langen statt. Hier wohnt sie auf dem Campus der Deutschen Flugsicherung, wo sie ein Zimmer für sich allein hat. Es gibt Freizeiträume und einen Sportplatz, auf dem vor allem Fußball gespielt wird, die S-Bahn in Richtung Frankfurt ist nur zehn Gehminuten entfernt. Alle vier Wochen fährt Judith zu ihren Eltern nach Bad Staffelstein bei Bamberg.


Konzentration: Fluglotsen bei der Arbeit

"Harte Ausbildung, viel Geld: Die Einstiegsgehälter liegen zwischen 5000 und 7000 Euro"

Am Anfang der Lehrzeit steht viel Theorie an: Meteorologie und Mathematik, Flugzeugkunde, Navigation und Englisch. „Vor Englisch hatte ich am meisten Respekt“, sagt Judith. „Denn der Unterricht findet vor allem auf Englisch statt.“ Selbst die Prüfungen werden auf Englisch abgenommen. Ihr persönlicher Vorbereitungs-Tipp: Bücher auf Englisch lesen. Die gibt es in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Mittlerweile verbringt Judith ganze Arbeitstage im Simulator. Der Simulator besteht aus zwei Räumen. In einem befindet sich ein Kontrollzentrum – kleiner zwar als das Original nebenan, aber voll funktionstüchtig. Im anderen Raum ist sozusagen der Himmel: Hier sitzen Ausbilder und manchmal auch Piloten, um den Flugverkehr auf den Radarschirmen nebenan zu simulieren. „Es dauert nicht lange, bis man vergisst, dass es sich dabei um eine Simulation handelt“, sagt Judith. In ihrem Sektor wird sie mit alltäglichem Flugverkehr, aber auch ungewöhnlichen Situationen konfrontiert. Jeder Sektor hat seine Eigenheiten. In einigen werden ankommende Flugzeuge auf einer einheitlichen Höhe hintereinander gestaffelt, um sie sicher nach Amerika zu schicken. Umdie großen Airports herum müssen die Landeanflüge koordiniert werden, in der Nähe von kleineren Flughäfen Fallschirmabsprünge, Amateurflieger und Schulungsflüge berücksichtigt werden. Auch militärische Manöver spielen eine Rolle.

Nach eineinhalb Jahren Lehrzeitwird es für die angehenden Lotsen ernst: Dann beginnt das Training „on the job“. Da alle Sektoren ihre Eigenarten haben, werden Lizenzen für bestimmte Sektoren absolviert, die dann ein ganzes Gebiet abdecken. Jeder Lotse bekommt sein Revier. Mit jeder Lizenz steigt auch das Ausbildungsgehalt – bis zu 2800 Euro. Das Einstiegsgehalt für Fluglotsen liegt bei 5000 bis 7000 Euro. Dass Judith später in einem Kontrollzentrum arbeiten wird, weiß sie bereits jetzt, denn dafür wird sie ausgebildet. Nur ob sie in Langen, Bremen, Karlsruhe, Maastricht oder München landen wird, steht noch nicht fest. Aber einer Sache ist sich Judith sicher: Nämlich dass Frauen ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen haben. Schließlich sind 30 bis 40 Prozent der angehenden Fluglotsen weiblich – und das in einer ehemalige Männerdomäne.